Großbritannien: Streiks ab Donnerstag den Postbetrieb lahm legen
Dienstag, 20. Oktober 2009
Die britische
Wirtschaft steht vor den härtesten Arbeitskämpfen seit den Bergarbeiterstreiks
in den 80er-Jahren. Wird der Streit zwischen Royal Mail und Postgewerkschaft
CWU nicht in letzter Minute entschärft, sollen Streiks ab Donnerstag den
Postbetrieb lahm legen.
LONDON. Die Labourregierung hat nach dem Scheitern ihrer Privatisierungspläne
kein Konzept für das Staatsunternehmen.
Die CWU setzt auf die wirtschaftliche Bedeutung der Postdienste in der
Vorweihnachtsperiode und hofft auf Unterstützung einer Öffentlichkeit. „Wir sind
in einer stärkeren Position als die Bergarbeiter in den 80er-Jahren“, sagt
CWU-Chef Billy Hayes. Briefzustellungen könnten nicht wie Kohle auf Vorrat
gelagert werden. Er forderte Industrieminister Peter Mandelson auf, den
Schlichtungsausschuss einzuschalten. Mandelson bezeichnete den Streikbeschluss
als „selbstmörderisch“.
Postchef Adam Crozier will 30 000 Aushilfskräfte als Streikbrecher einsetzen.
Zudem heizte er die Wut der Postler mit einem Strategiepapier an, wonach er die
Gewerkschaft isolieren und die Reformen an ihr vorbei erzwingen will. Die von
der BBC veröffentlichten Papiere deuten an, dass Crozier die Unterstützung der
Regierung hat.
Großbritannien liberalisierte als erstes Land Europas die Postdienste,
versäumte es aber, sie fit für diese neue Zeit zu machen. Im Frühsommer
scheiterte Mandelsons Teilprivatisierung am Widerstand von
Labour-Hinterbänklern. Jährlich verliert die Post zehn Prozent an Marktanteil.
Der Streik dürfte das noch beschleunigen.
Postarbeiter klagen über inakzeptable Arbeitsbedingungen und wollen
Lohnausgleich für weggefallene Überstundengelder. Sie fühlen sich durch bereits
geleistete Reformen bestärkt: Im letzten Geschäftsjahr verdoppelte die Royal
Mail den Gewinn auf 321 Mio. Pfund und schrieb zum ersten Mal seit 20 Jahren in
allen vier Geschäftsbereichen schwarze Zahlen. Aber das Loch in der Rentenkasse
verdoppelte sich auf 6,8 Mrd. Pfund.