Ex-Premier Tony Blair wird in
Großbritannien als erster EU-Ratspräsident gehandelt. Dabei glauben selbst
seine politischen Freunde in Europas Hauptstädten nicht mehr daran. Zu groß ist
bei vielen die Blair-Phobie. "Tony Blair hat alles, was man braucht, um der erste Präsident des Europäischen
Rates zu werden", findet Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi. In einem
Leserbrief an die Zeitung "Il Foglio" bejubelte er vorige Woche deren
Chefredakteur für einen "Wählt Tony"-Aufruf. "Sobald wie möglich" müsse Blair
gekürt werden, so der in Rom regierende Medienzar. Nicht weniger fest steht
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hinter Blairs Ambitionen auf ein
politisches Comeback, wenn auch in Brüssel statt in London.
Der Franzose wie der Italiener haben auch privat ein gutes Verhältnis zu Tony
samt Ehefrau Cherie. Man trifft sich mal am Wochenende, mal im Urlaub.
Spaniens Regierungschef
José Luis Rodriguez Zapatero, so heißt es, haben die "Friends of Tony" zumindest
halbwegs auf ihre Seite gezogen. Und auch Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel
habe die von langer Hand gesteuerte Personalie abgenickt - als Dankeschön, weil
Blair den Lissabon-Vertrag vor
einem heiklen britischen Referendum bewahrt hatte.
Doch trotz dieses scheinbar übermächtigen Netzwerkes sind die Chancen des
charismatischen Engländers, demnächst Europa zu präsidieren und zu präsentieren,
in den letzten Wochen kräftig geschrumpft. Sie lägen "faktisch bei Null",
urteilen Brüsseler Diplomaten. Denn auch die Blair-Gegner haben sich inzwischen
organisiert und in Stellung gebracht. Die meisten davon sind zwar kleinere
EU-Staaten, dafür sind es viele. Gegen deren gemeinsames "Nein" läuft nichts.
Zudem wollen Europas Wortführer den Top-Job in breitem Einvernehmen vergeben und
nicht über eine Kampfabstimmung. Die aber wäre bei einem Kandidaten Blair kaum
zu vermeiden.
Resigniert stellt Berlusconis Außenminister Franco Frattini plötzlich fest,
"es wird schwer werden", Europa für den Briten zu begeistern. Und selbst Sarkozy
räumt sich schon vorsorglich den Rückweg frei. "Ein Problem" der
Blair-Kandidatur sei, erklärte er jetzt, dass Großbritannien europäisch etwas
abseits stehe und zum Beispiel noch immer in Pfund und nicht in Euro zahle.
Europas neuer Präsident soll, sobald der Lissabon-Vertrag in Kraft tritt, die
Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs leiten und der 27-Länder-Union
auch international ein Gesicht geben. Bislang werden die Sitzungen der "Chefs",
wie es im EU-Jargon heißt, im halbjährlichen Wechsel von Land zu Land
organisiert. Das gibt selbst eher unbekannten Zwergstaaten-Regenten die Chance,
ein Weilchen auf der politischen Weltbühne mitzuspielen. Diesen Glanz, so
fürchten viele von ihnen, würde ein professioneller Selbstdarsteller wie Blair
ihnen nehmen. Vor allem "kleine und mittlere Länder", hat der amtierende
Ratspräsident, Schwedens Premier Fredrik Reinfeldt, bei seinen
Personalgesprächen festgestellt, seien deshalb "an einer starken
Führungspersönlichkeit weniger interessiert".
Belgien, die Niederlande und Luxemburg haben ihr "Nein" zu Blair schon in ein
gemeinsames Schriftstück gegossen: "Europäisches Engagement" und eine
ausgereifte "Vision für Europa" müsse der künftige EU-Ratspräsident haben,
fordern sie darin. Diesem Anforderungsprofil entsprechen womöglich einige in
Europas politischer Gilde - Blair gewiss nicht. Auch in anderen Ländern, etwa in
Österreich, überwiegen Vorbehalte gegen den Mann, der Europa im Vorfeld des
Irak-Krieges in zwei Lager spaltete und sein "new Europe" gegen das
kriegsunwillige "old Europe" setzte.
Selbst bislang unschlüssige EU-Regenten, die durchaus eine gewisse Sympathie
für den jugendlich wirkenden Strahlemann Blair verspüren, könnten sich bald
empört abwenden. Denn, das behaupten jedenfalls Brüsseler Diplomaten
unterschiedlicher Nationalitäten, Blair beharre bei seinen vertraulichen
Bewerbungsgesprächen in den europäischen Hauptstädten darauf, auch als
EU-Präsident kräftig nebenbei verdienen zu dürfen. Verständlich wäre das: Als
"Mr. Europa" würde er nicht viel mehr als etwa 300.000 Euro im Jahr verdienen.
Als Bank-Lobbyist, Buchautor und VIP-Redner verdient der Alt-Sozialist derzeit
viele Millionen.
Wer statt Blair das Rennen um den Renommier-Job machen könnte, ist heute
völlig offen. Ende des Monats wollen die Staats- und Regierungschefs darüber
erstmals in großer Runde diskutieren. Namen kursieren schon lange. Der von
Hollands Premier Jan Peter Balkenende zum Beispiel und jener vom langjährigen
Luxemburger Regierungschef Jean-Claude Juncker, dem dienstältesten Europäer
gewissermaßen.
Selbst Österreichs fast vergessener Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel sei im
Spiel, raunen die EU-Auguren.