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Schottland und der Traum von Unabhängigkeit Drucken E-Mail
Donnerstag, 4. Februar 2010

Edinburgh - Die Schotten und ihren großen Traum hat lange niemand ernst genommen, doch nach 300-jähriger Zwangsehe mit England glauben sie jetzt, ihrer Unabhängigkeit greifbar nah zu sein. Schon bald sollen die fünf Millionen Menschen in Europas Norden über ihre Zukunft als selbstständige Nation abstimmen.

Das britische Empire, seufzen Nostalgiker, ist vollends dem Untergang geweiht: Erst musste die einstige Weltmacht seine Kronkolonien in die Freiheit entlassen, jetzt meutern zu allem Überdruss die Zwergprovinzen des noch vereinigten Königreichs. Schottland, eine Region, die so klein ist wie Tschechien und weniger Einwohner zählt als London oder Baden-Württemberg, will seinen eigenen Weg in der Welt machen. Längst arbeiten auch Wales und Nord-Irland an ihrer "Devolution", der Wiedergeburt als eigene Nation.

"Wir waren bis 1707 ein freies Land und begreifen uns auch heute noch so", sagt Kenneth Gibson, Abgeordneter der Schottischen Nationalpartei (SNP), die seit 2007 stärkste Kraft im Regionalparlament von Edinburgh ist. "Wir fühlen uns nicht wie Hessen oder Bayern innerhalb Deutschlands, sondern wie Deutsche, die von Franzosen regiert werden." Faktisch würde sich bei einer Abspaltung zwar gar nicht so viel ändern: Wie für Australien würde Königin Elisabeth weiterhin Monarchin der Schotten sein, und Sonderregeln in der Führung ihrer Provinz hat Westminster ihnen ohnehin immer reichlich gewährt. Doch für Schottland ist die Autonomie eine Frage der Identität, die im künstlich konstruierten Zwangskorsett Großbritannien gefesselt scheint.

Bei den historischen Wurzeln fängt es an, beim heutigen Fußball hört es auf. "Wir sind mit den Kelten verwandt", erklärt Gibson, "die Engländer mit den Germanen, wir stehen dem evangelischen Glauben näher, sie dem katholischen." So etwas wirkt fort, egal wie sehr sich die Welt und Schottland globalisiert. Der Politiker mag wie viele andere auf den britischen Inseln seine fehlerhafte Stromrechnung mit einem Tausende Kilometer entfernten Call Center in Indien klären, doch mit den Engländern "südlich der Grenze" seine Probleme haben. Beim Humor wird das offensichtlich: "Unsere Witze sind erdiger, bodenständiger und auch sarkastischer", meint Gibson. Die nationale Psyche der Schotten sei zudem eher sozialdemokratisch, nicht marktliberal. Anders als die Engländer fände man Europa und den Euro toll. Und beim Fußball "sind wir immer auf der Seite, die gegen England spielt", sagt er. Man ist halt Schotte, nicht Brite.

Die großen Antipathien sind fest zementiert - auch mit Blut, Tränen und Schlachten. Nationalheld der Schotten ist William Wallace, ein Ritter, der den einst freien Landstrich gegen englische Invasionen verteidigt hat. Als man ihn 1305 fasste, verteidigte er sich legendär: "Ich kann kein Königsverräter sein, denn ich bin kein Untertan Eures Königs." Berühmte Worte, weil sie ein Destillat des schottischen Patriotismus sind - und weil es seine letzten Worte waren. Der junge Widerständler, verewigt im Hollywood-Epos "Braveheart", wurde nackt durch London geschleift, gehängt, halbtot wieder abgeknüpft, entmannt, ausgeweidet, das Gedärm vor seinen Augen verbrannt, er gestreckt, gevierteilt und geköpft. Sein geteertes Haupt spießten die Engländer an der London Bridge auf.

Für Kenneth Gibson braucht es 700 Jahre später natürlich mehr als diese mittelalterliche Metzelei, um seine Leidenschaft für eine Idee anzufachen, die noch weniger Menschen betrifft, als im Ruhrgebiet wohnen. "Wir glauben, dass Schottland sich als eigenständige Nation wirtschaftlich besser schlagen könnte", sagt er. 90 Prozent der Öl- und Gasreserven des Königreiches liegen in schottischen Gewässern. Der Zwerg könnte damit zu einer der reichsten Nationen Europas avancieren. Und, so argumentieren Befürworter, wenn ein kleines Land wie Malta, dessen Bevölkerung nur halb so groß ist wie die von Edinburgh, hervorragend klarkommt, warum sollte Schottland es dann nicht ebenso schaffen? Island, Norwegen und die Republik Irland - die Schotten sind von Nachbarn umringt, die sich allesamt erfolgreich selbstständig gemacht haben. Die kommende Dekade, sagen sie, die gehöre endlich ihnen.

Seit ihrem hauchdünnen Sieg im schottischen Parlament vor drei Jahren verzeichnen die Nationalisten Zulauf. Die EU-Wahl im letzten Jahr hat die SNP gewonnen, die Mitgliedszahlen sollen sich in nur fünf Jahren verdoppelt haben. Selbst Ex-Bond Sean Connery, der sich "Scotland Forever" in den Unterarm tätowieren ließ, jubiliert bereits über die Erfolge: Er will gleich nach der Abspaltung von den sonnigen Bahamas zurück in seine nordische Heimat ziehen.

Im Dezember hat die SNP erstmals ein Weißbuch zur Unabhängigkeit vorgelegt, eine Art Regieanweisung für die nächsten Jahre. Demnach sollen die Schotten spätestens 2011 per Referendum über ihr Schicksal abstimmen dürfen. Die Mehrheit wäre nach Umfragen zwar schon zufrieden, wenn aus Schottland ein Bundesland mit mehr Machtbefugnissen werden könnte und sie sich nicht aus der Union lösen müssten. Doch eine Wahl über ihre Zukunft, egal wie sie ausgeht, die steht den Schotten zu, meint Gibson: "Unser Schicksal wollen wir nicht mehr nur den Bürokraten in London überlassen." Noch regelt Westminster für die Provinzen Steuerrecht, Sozialversicherungen und die gemeinsame Verteidigungspolitik. Alle anderen Bereiche dürfen die Regionalparlamente in Belfast, Wales und Edinburgh selbst verwalten - ein Machtzugeständnis, mit dem Tony Blairs Labour-Regierung den Separatisten einst den Wind aus den Segeln nehmen wollte. Tatsächlich aber zeigt jede Regelung, in der die Schotten von Westminster abzuweichen gedenken, den fundamentalen Unterschied beider. Ein Beispiel ist die Frage, wie soziale Verantwortung und Freiheit austariert werden. So sind Studium und Seniorenpflege anders als in England gebührenfrei. "Da prallen Lebenseinstellungen aufeinander", sagt Gibson, in dessen Wahlkreis zu seinem Zorn noch britische Atomwaffen stationiert sind. "England interessiert sich für Nuklearwaffen, wir uns für erneuerbare Energien." Trident, die umstrittenen Atom-U-Boote vor der schottischen Küste, sollen deshalb direkt nach der Loslösung verschwinden.

Doch wie bei vielen Ehescheidungen könnte es auch zwischen Schottland und England einen Rosenkrieg ums Vermögen geben. Ob die Schotten einfach so mit ihren Bodenschätzen in die schöne, neue Autonomie ziehen dürfen, ist fraglich. Pessimisten bezweifeln seit langem, dass die Erlöse aus Erdöl und Gas reichen, um den schottischen Traum zu finanzieren. Streit ums Geld ist ewige Hintergrundmusik: Die Engländer klagen über Subventionen, die gen Norden fließen, die Schotten über Kohle, Stahl und Rekruten, die sie dem Projekt Großbritannien seit jeher beisteuern.

Schluss mit der schal gewordenen Vernunftehe der beiden soll spätestens nach der schottischen Wahl im Mai 2011 sein. Gibson ist sogar optimistisch, dass es mit dem Volksentscheid noch früher klappt: "Im Parlament fehlen uns nur noch ein paar Stimmen, um das Referendum zu verabschieden. Wenn die Liberalen uns unterstützen, haben wir's geschafft." Einen attraktiven Job fände sich dann für die Königsmacher der Moderne gewiss.

Da nehmen sich die nächsten Newcomer auf der Weltbühne bereits ein Vorbild an Deutschland: "Ihr habt ja auch den liberalen Guido Westerwelle zum Außenminister gemacht", sagt Gibson, der Schotte.

 
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