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London - Mit dem Rückzug einer Studie über den Zusammenhang
zwischen Masernimpfung und Autismus will die angesehene britische
Medizinfachzeitschrift "The Lancet" offenbar einen dicken Schlussstrich
unter eine lange und für das Blatt nicht gerade erfreuliche Affäre
ziehen.
Vor elf Jahren hatten britische Mediziner um Hauptautor Andrew
Wakefield in einer Veröffentlichung genau diesen Zusammenhang
angedeutet: Die Impfung gegen das Masernvirus sollte das
Autismus-Risiko stark erhöhen. Die Folge war ein gewaltiges Medienecho,
zumal Wakefield öffentlich vor der Impfung warnte, und ein Rückgang der
Impfquote in Großbritannien von über 90 auf unter 80 Prozent. Für
Deutschland kann das Robert-Koch-Institut mangels Zahlen allerdings
keinen solchen Effekt feststellen - obwohl auch hier viele Eltern ihr
Kind nicht impfen lassen.
Im
Gegensatz zur Öffentlichkeit waren Wakefields Fachkollegen von Anfang
an skeptisch. Zweifel an den Ergebnissen wurden sofort nach ihrer
Veröffentlichung geäußert, Kontrollstudien auf breiter Basis liefen an
und konnten den behaupteten Zusammenhang nicht feststellen. 2004
widerriefen daher zehn der zwölf Autoren in "The Lancet" diese
Behauptung. Wakefield, der auch heute noch von seinen Ergebnissen
überzeugt ist, war nicht darunter. Eine groß angelegte kanadische
Studie betonte 2006, dass es keinen Hinweis auf den behaupteten
Zusammenhang gäbe. Die Redaktion von "The Lancet" sah jedoch keinen
Anlass, die Studie komplett zurückzuziehen, obwohl der Druck auf das
Blatt mehr und mehr zunahm.
Seit
Juli 2007 untersuchte allerdings eine Kommission des General Medical
Council, dem britischen Äquivalent zur deutschen Ärztekammer, ob Andrew
Wakefield und den beiden anderen Leitern der Studie wissenschaftliches
Fehlverhalten vorzuwerfen ist. Das Verdikt des Gremiums kam Ende
Januar, nach der längsten und mit Kosten von mehr als einer Million
Pfund wahrscheinlich auch teuersten Untersuchung, die die britische
Ärztekammer je hat durchführen lassen, und es ließ an Deutlichkeit
nichts zu wünschen übrig: "Unehrlich", "unverantwortlich" und "gegen
die medizinischen Interessen der an der Studie teilnehmenden Kinder",
so die Zusammenfassung des Kommissionsvorsitzenden Surendra Kumar. Im
Bericht nehmen allein die Vorwürfe gegen Wakefield 52 Seiten ein, von
der Finanzierung durch einen impfkritischen Anwalt über die
Verheimlichung dieser Kontakte bis hin zu riskanten Operationen an
teilnehmenden Kindern. So wurde offenbar die schmerzhafte Punktion des
Rückenmarks ohne Genehmigung des zuständigen Ethikkomitees und gegen
die medizinischen Interessen der Kinder durchgeführt.
Dieser Bericht veranlasste schließlich "The Lancet", die Studie
komplett zurückzuziehen, Hauptautor Wakefield weist weiterhin alle
Vorwürfe als "ungerecht und ungerechtfertigt" zurück. Wakefield ist
heute Geschäftsführer eines privaten Autismus-Forschungs- und
Behandlungszentrums im texanischen Austin. Es wird erwartet, dass er
seine Zulassung als Mediziner in Großbritannien verlieren wird, in den
USA darf er ohnehin nicht praktizieren.
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